
Der Zeitpunkt
Wir sprachen bisher über Firma, Produkt, Geld und Menschen. Vier Teile gleich vier Prüfungen, die dir deine nächste Entscheidung leichter machen sollen. Und jetzt kommt die Frage, die fast niemand stellt, obwohl sie über den Verlauf der nächsten Jahre entscheidet: Nicht nur bei wem du startest, sondern wann.
Ich will offen mit dir sein: An diesem Punkt bin ich nicht neutral. Meine letzten beiden Firmen waren Start-up-Unternehmen, und auch mein nächstes wird es sein. Das ist eine bewusste Entscheidung, und ich erkläre dir gleich, warum. Aber ich erkläre dir auch, was sie kostet, denn umsonst ist sie nicht. Und ich sage dir ehrlich: Für die meisten Menschen wäre der andere Weg der bessere.
Der Satz, den du am häufigsten hören wirst
„Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt.“ Das ist der älteste Satz unserer Industrie, und er stimmt erstaunlich oft nicht.
Er kommt von Menschen, die gerade selbst gestartet sind, und er kommt von Menschen, die seit zwanzig Jahren dabei sind. Beide meinen es ehrlich. Beide sagen dir mit diesem Satz aber nur, dass es für sie gerade passt.
Du musst das für dich selbst beantworten. Und dazu gehören zwei Zeitpunkte, nicht einer: Der Zeitpunkt des Unternehmens und dein eigener.
Das junge Unternehmen
Ein Unternehmen in den ersten Jahren ist ein Baustellenschild mit viel Platz dahinter. Der Markt ist unberührt, dein Umfeld hat den Namen noch nie gehört, niemand hat deinen Bekannten vor drei Jahren schon einmal dasselbe erzählt. Die Positionen sind frei. Und, wenn du einiges an Erfahrung vorweisen kannst, wirst du in Entscheidungen involviert.
Genau das ist mein Grund. Ich möchte Einfluss haben auf den Weg, wie sich ein Unternehmen in neuen Märkten positioniert. Ich will sagen können, was aus meiner Sicht für unseren deutschen Markt nicht passt, dass eine Klausel im Kleingedruckten ungerecht ist, dass ein Einstieg für Neue zu schwer gebaut ist. Und ich will erleben, dass es sich danach ändert. In einem Unternehmen mit zwanzig Jahren Geschichte und einem festen Handbuch passiert das nicht mehr. Da bist du Vertriebspartner, nicht Mitgestalter.
Das ist allerdings eine unternehmerische Sicht auf diese Industrie, und ich kann sie von dir nicht erwarten.
Denn der Preis ist real. Ein junges Unternehmen macht Fehler, und zwar laufend. Produkte sind mal nicht lieferbar. Die Software zeigt deine Provision falsch an. Der Marketingplan wird nachjustiert, während du schon aufbaust. Schulungsunterlagen musst du dir zum Teil selbst schreiben, weil es sie noch nicht gibt. Es gibt keine Erfahrungswerte, auf die du dich stützen kannst, und es gibt niemanden über dir, der genau diesen Weg bereits gegangen ist.
Und es gibt das Risiko, das man nicht wegreden sollte: Von den Unternehmen, die in meinen dreizehn Jahren gestartet sind, gibt es einige heute nicht mehr. Wer jung einsteigt, trägt dieses Risiko mit. Das ist der Handel: Mehr Gestaltungsraum gegen mehr Ungewissheit.
Wenn du diesen Weg prüfst, dann prüfe das Fundament besonders genau. Ist das Unternehmen gut durchfinanziert, oder lebt es vom Umsatz seiner Partner? Wer bezahlt die Rechnungen, wenn drei Monate lang wenig passiert? Gibt es bisher nur eine Vision oder bereits Produkte, die man anfassen kann? Wie viele Partner sind bereits registriert, und wie viele davon sind tatsächlich aktiv? Und wie reagiert die Unternehmensleitung auf gut gemeinte Vorschläge? Du siehst, wir sind wieder bei den Menschen aus Teil 4. Bei einem jungen Unternehmen wiegt dieser Punkt doppelt, weil es außer den Menschen noch nicht viel gibt, worauf du bauen kannst.
Das gereifte Unternehmen
Jetzt die andere Seite, und die hat mehr für sich, als mancher Pionier zugeben will.
In einem etablierten Unternehmen funktionieren die Dinge. Die Bestellung kommt an. Die Abrechnung stimmt. Es gibt Schulungen, die sich bewährt haben, Materialien, die du nutzen kannst, und einen Marketingplan, bei dem du andere fragen kannst, was er in der Praxis wirklich abwirft. Es gibt Menschen, die vor dir denselben Weg gegangen sind, und zwar in jeder Phase. Das ist viel wert, gerade am Anfang. Wenn du zum ersten Mal in dieser Industrie startest, ist ein fertiges System oft der Unterschied zwischen Dranbleiben und Aufhören.
Auch das hat seinen Preis. Dein Markt ist womöglich schon bearbeitet, und bei manchen deiner Kontakte musst du nicht das Produkt erklären, sondern eine schlechte Erinnerung ausräumen. Die Spitzenpositionen sind besetzt. Wachstum kommt nicht mehr von allein, sondern nur über deine eigene Arbeit. Und Einfluss hast du keinen: Die Regeln stehen, du kannst sie annehmen oder gehen.
Auch hier gibt es Fragen, die sich lohnen. Wie hat sich der Umsatz in den letzten drei bis fünf Jahren entwickelt, wächst er, stagniert er oder schrumpft er? Wie oft wurde der Marketingplan geändert, und zu wessen Gunsten? Kommen noch neue Produkte und neue Märkte dazu, oder wird nur noch verwaltet? Und sind die Menschen, die vor zehn Jahren groß geworden sind, heute noch dabei?
Und dann gibt es noch die Mitte
Jetzt muss ich etwas zugeben. Ich habe dir gerade zwei Lager aufgemacht, jung und gereift, und genau so wird in unserer Industrie auch geredet. Aber das ist zu einfach, denn dazwischen liegt eine Phase, über die kaum jemand spricht, und sie ist für die meisten Menschen die beste von allen.
Gemeint ist das Unternehmen, das seine Gründerjahre hinter sich hat und seinen Erfolg noch vor sich. Die Abläufe funktionieren, das Lager steht, die Abrechnung stimmt, die ersten schweren Fehler sind gemacht und abgearbeitet. Gleichzeitig ist die Firma klein genug, dass sie noch beweglich ist, und der Markt ist längst nicht durch.
Und wenn ich ehrlich auf meine dreizehn Jahre zurückschaue, muss ich zugeben: Deutlich mehr Menschen haben ihr großes Einkommen in dieser Phase aufgebaut als im Säuglingsalter eines Unternehmens. Da war eine Firma bei zwanzig oder dreißig Millionen Jahresumsatz, und dann ging es auf zweihundert, dreihundert, vierhundert. Diese Welle hat viele reich gemacht, und dabei mussten sie nicht die Jahre durchleiden, in denen man jeden Monat hofft, dass die Firma überlebt.
Ich wähle den anderen Weg, aus den Gründen, die ich dir genannt habe. Aber ich wäre nicht ehrlich, wenn ich dir diese Phase nicht genauso deutlich zeigen würde. Wer Wachstum will, ohne das volle Startrisiko zu tragen, sucht genau hier.
Ein Hinweis, der mit dem Alter zu tun hat
Ein Unternehmen kann zehn Jahre alt und innerlich leer sein, und ein anderes ist nach drei Jahren gesünder als mancher Konzern.
Ich möchte noch etwas ansprechen, das direkt zu diesem Teil gehört und auf das ich in Teil 1 noch nicht eingegangen bin. Wenn du ein zwanzig Jahre altes Unternehmen googelst, findest du zwanzig Jahre Internet. Beschwerden, Streit, enttäuschte Aussteiger, alte Geschichten, dazu Menschen, die einfach nicht erfolgreich waren und einen Schuldigen brauchten. Bei einem Start-up findest du nichts davon. Nicht weil es sauberer wäre, sondern weil es jung ist.
Lies deshalb Muster, nicht Schlagzeilen. Eine einzelne wütende Stimme ist kein Urteil, und es gibt in unserer Industrie durchaus Firmen, die gezielt beschossen werden, weil es Interessen gibt, denen dieses Geschäftsmodell nicht passt. Wenn du aber über Jahre immer dasselbe Muster liest, bei Provisionen, bei Auszahlungen, bei Regeländerungen, dann ist das kein Zufall mehr.
Alt bedeutet also nicht belastet, und neu bedeutet nicht unbelastet. Es bedeutet nur, dass du in beiden Fällen unterschiedlich lesen musst.
Welcher Typ bist du
Hier entscheidet sich die Sache, und zwar nicht an der Firma, sondern an dir.
Frag dich ehrlich: Kannst du es aushalten, wenn etwas drei Wochen nicht funktioniert und niemand eine Antwort hat? Fängst du gern bei Null an, oder arbeitest du lieber mit Werkzeugen, die sich bewährt haben? Reizt es dich, etwas mitzugestalten, oder ist dir das vollkommen gleichgültig, solange es läuft? Und was macht es mit dir, wenn jemand dir sagt, dieses Unternehmen kenne doch niemand?
Es gibt auf diese Fragen keine richtige Antwort, nur deine. Und du darfst dich auch für die Mitte entscheiden, das ist keine Feigheit, sondern eine Abwägung. Ich kenne Menschen, die in einem jungen Unternehmen aufblühen und in einem fertigen System einschlafen. Und ich kenne mindestens genauso viele, die mit einem bewährten Weg zu großem Erfolg gekommen sind und in einer Baustelle schlicht unglücklich geworden wären. Beide Wege führen zum Ziel, aber nicht bei jedem Menschen.
Und dann ist da noch dein eigener Zeitpunkt
Mach dir deine eigenen Gedanken: Hast du gerade die Luft dafür? Nicht nur zwei Stunden am Abend, sondern auch den Kopf. Wie sieht es im Beruf aus, wie zu Hause, wie bei der Gesundheit? Hast du die nötige Geduld für zwei Jahre Aufbau, oder brauchst du in drei Monaten Geld? Denn wer unter Druck startet, trifft fast immer die falschen Entscheidungen und greift zu den Methoden, die kurzfristig wirken und langfristig alles kaputt machen.
Ich sage dir das als jemand, der es anders gemacht hat: Ich bin im Januar 2013 gestartet, nach der schwersten Phase meines Lebens, mit einem Schuldenberg im Rücken und ohne Netz. Das war nach jeder Vernunft der schlechteste Zeitpunkt überhaupt. Was gestimmt hat, war die Entscheidung in mir. Ich war bereit, ich hatte verstanden, dass es an mir liegt, und ich hatte nichts mehr zu verlieren.
Daraus mach dir bitte keine Regel. Es war kein Mut, sondern Notwendigkeit, und ich würde es niemandem empfehlen. Aber es zeigt dir, was wirklich den Ausschlag gibt: Nicht die Marktlage, nicht der Starttermin, nicht die Produktverfügbarkeit. Sondern ob du bei dir selbst angekommen bist.
Der perfekte Zeitpunkt kommt nicht
Und jetzt der Satz, der das Gegenstück zu allem bildet, was ich dir gerade über Prüfen und Abwarten geschrieben habe.
Ich habe Menschen erlebt, die drei Jahre lang verglichen haben. Die jede Firma prüften, jeden Plan durchrechneten und am Ende nie gestartet sind. Prüfen ist gut, ich habe fünf Teile darüber geschrieben. Aber Prüfen kann auch die elegante Form von Angst sein, und irgendwann ist aus der Vorsicht ein Dauerzustand geworden.
Es wird nie der Moment kommen, in dem alles passt. Es wird immer eine Produktlücke geben, eine offene Frage, einen ungünstigen Monat. Der Unterschied zwischen denen, die es schaffen, und denen, die es nicht schaffen, ist selten die Firma. Es ist der Punkt, an dem jemand aufhört zu vergleichen und anfängt zu arbeiten.
Und jetzt du
Nimm ein Blatt und beantworte zwei Fragen schriftlich. Nicht im Kopf, schriftlich.
Erstens: Brauchst du Gestaltungsraum, brauchst du Sicherheit, oder brauchst du von beidem etwas? Schreib deine Antwort in einem Satz hin, ohne dich selbst schönzureden.
Zweitens: Was muss in deinem Leben in den nächsten sechs Monaten gegeben sein, damit du wirklich arbeiten kannst? Zeit, Geld, Rückhalt, Ruhe im Kopf. Schreib es konkret auf.
Dann vergleiche das mit dem Unternehmen, das vor dir liegt. Wenn es zusammenpasst, dann entscheide und leg los. Wenn nicht, dann sag es offen, und zwar auch dem Menschen, der dich eingeladen hat. Ein klares „Jetzt nicht“ ist ein ehrlicheres Fundament als ein zögerliches Ja.
Ich bin jedes Mal zum Pionier geworden, weil ich mitgestalten will. Das ist mein Weg, nicht automatisch deiner. Wichtig ist nur, dass du deinen kennst, bevor du unterschreibst.
Nächste Woche kommt der unbequemste Teil dieser Reihe, denn da prüfen wir nicht mehr das Unternehmen, sondern dich. Es geht um Erwartungen, um das Zeitbudget, das wirklich vorhanden ist, und um die Frage, was dieses Geschäft von dir verlangt, bevor es dir etwas gibt.
Bis dahin: Sei geduldig. Sei ehrlich zu dir selbst. Und entscheide selbst.
Lieben Gruß
Henrik