
Echte Nahrung: Was sich seit Omas Keller verändert hat
Letzte Woche waren wir in der Zelle. Wir haben gesehen, dass ein großer Teil unseres Körpers ständig neu gebaut wird, aus dem, was wir ihm täglich geben. Heute schauen wir uns dieses Baumaterial genauer an. Denn nichts haben wir so oft in der Hand wie unser Essen. Drei-, vier-, fünfmal am Tag. Jeden Tag.
Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke: Meine Großmutter hatte einen Bauernhof. Was war das aufregend! Der regelmäßige Blick in den Hühnerstall, manchmal stündlich, um zu schauen, ob frische Eier zum Einsammeln da sind. Wir haben gemeinsam Obst und Gemüse geerntet und sind in der Spargelzeit Spargel stechen gegangen. Als Kind war es ein Wunder zu erleben, wie die zarten Spargelköpfe Tag für Tag ihren Weg durch die Erde finden, um dann in der Küche zu landen. Der große Kirschbaum war ein Kletterabenteuer für Naschkatzen. Und auch der Keller hatte etwas ganz Besonderes… ein intensiv, erdiger Geruch von gelagerten Kartoffeln, und an den Wänden, sortiert und bis unter die Decke, Gläser mit eingemachtem Obst und Gemüse.
Aus Kinderaugen betrachtet war das ein Schlaraffenland, aus den Augen eines Erwachsenen war es Arbeit. Doch es war Nahrung, die man beim Namen nennen konnte. Zwischen diesem Keller und einem heutigen Supermarktregal liegen nur zwei Generationen. Und in dieser kurzen Zeit hat sich so viel verändert. Vier dieser Veränderungen möchte ich heute hervorheben, weil sie unsere Zellen jeden Tag betreffen. Denn erinnern wir uns an den Anfang dieser Serie… Warum liegen rund zehn Jahre zwischen Gesundheitsspanne und Lebensspanne?
Erstens: Aus Zutaten wurden Zusatzstoffe. In den Gläsern meiner Großmutter waren Kirschen, Zucker und Wasser. Heute enthält ein Fertigprodukt Dinge, die in keiner Küche vorkommen: Emulgatoren, damit sich nichts trennt, Farbstoffe, damit es appetitlich aussieht, Konservierungsstoffe, damit es monatelang hält, Aromen, damit es nach etwas schmeckt, das gar nicht drin ist. Man erkennt das nicht am Preis und nicht an der Verpackung, sondern nur an der Zutatenliste. Für die Zelle bedeutet so ein Produkt: Viel Arbeit, wenig Nutzen. Mehr Müll, der liegen bleibt. Erinnere dich an die Küche aus der letzten Woche, in der nur einmal im Monat aufgeräumt wird.
Zweitens: Zucker wurde von der Ausnahme zur Regel. Bei meiner Großmutter gab es ihn in den eingemachten Kirschen und im Sonntagskuchen. Heute steckt er in Wurst, in Brot, in Joghurt, in Salatdressing, oft unter Namen, die man nicht gleich erkennt. Die Folge ist ein Blutzucker, der mehrmals täglich Achterbahn fährt: schnell hoch, schnell wieder runter. Wir spüren das als Heißhunger, als Müdigkeit nach dem Essen, als das Loch am Nachmittag. Für den Körper ist jede dieser Fahrten Arbeit. Über Jahre hinweg zehrt das an den Kräften, leise und stetig.
Drittens: Aus Jahreszeiten wurde “immer alles”. Spargel gab es in der Spargelzeit, Kirschen, wenn der Baum sie hergab, und im Winter das, was im Keller stand. Heute liegt alles das ganze Jahr im Regal, oft geerntet, bevor es reif war, und tagelang unterwegs. Was dabei verloren geht, sieht man nicht, doch man schmeckt es: Eine Tomate im Januar ist nicht dieselbe wie eine im August. Und mit den Jahreszeiten ist auch die Vielfalt verschwunden. Wer sich das Jahr über durch Garten und Keller gegessen hat, hat dem Körper Dutzende verschiedene Pflanzen gegeben. Heute drehen sich viele Teller um dieselben fünf, sechs Dinge. Für unsere Zellen und für die Bewohner unseres Darms ist Vielfalt jedoch das, was sie am meisten brauchen.
Viertens: Aus Wasser wurde Getränk. Auf dem Hof gab es Wasser, Milch und am Sonntag vielleicht einen selbstgemachten Saft. Heute trinken viele den ganzen Tag etwas, das gesüßt ist, Koffein enthält oder beides. Dabei braucht jede Zelle vor allem eines: Reines Wasser, für den Transport der Nährstoffe, für den Abtransport dessen, was weg soll, für jeden einzelnen Vorgang. Genug davon zu trinken, über den Tag verteilt, ist die einfachste Entlastung, die es gibt. Und sie kostet fast nichts.
Jetzt könnte der Eindruck entstehen, man müsse alles umstellen oder gleich einen Bauernhof kaufen. Das ist natürlich nicht mein Weg, und alles ändern wird uns auch nicht gelingen. Es geht auch nicht um Verbote, sondern um Urteilskraft. Darum, zu wissen, was ich meinem Körper gebe, und dann frei zu entscheiden. Ein Stück Kirschkuchen am Sonntag mit der Familie ist etwas anderes als ein Riegel, den man im Auto hinunterschlingt.
Und das Schöne daran: Echte Nahrung ist kein Luxus. Ein Topf Suppe aus Gemüse, das gerade Saison hat, ein Brot mit wenigen Zutaten, ein Glas Wasser statt Limonade. Das ist oft günstiger als das, was die Werbung uns verkauft. Was es braucht, ist etwas Zeit und die Entscheidung, sie sich zu nehmen. Der Keller meiner Großmutter war voll davon. Vieles dürfen wir uns wieder holen.
Nächste Woche bleiben wir bei der Entlastung und schauen auf etwas, das uns Tag und Nacht umgibt und das viele unterschätzen: unsere Haut, das größte Organ des Körpers.
Bis dahin eine kleine Aufgabe für dich: Dreh diese Woche jede Verpackung um, bevor du sie in den Einkaufswagen legst, und lies die Zutatenliste. Zähle, wie viele Zutaten deine Großmutter erkannt hätte. Nicht, um alles liegen zu lassen, sondern um zu wissen, was du kaufst.
Alles Liebe, Stephanie